London Tag 5

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Heute hatten wir nochmal einen richtig schönen Tag, obwohl er nicht gut anfing. Luke hatte sein häufig auftretendes undefiniertes Unwohlsein, das von Schwindel über Kopf- und Bauchschmerzen bis Schwäche alles Mögliche beinhaltet. Er weinte, hatte ganz rote Augen, ließ sich zu Boden fallen, weil er selbst in der Wohnung keinen Schritt gehen könne. Es macht mir Sorgen, aber unser Kinderarzt Dr. Riedle sagt immer abwechselnd, es sei ein Infekt oder es sei psychisch. Es hat bis 12 Uhr gedauert, bis ich Luke dazu überredet hatte, das Haus zu verlassen, mit dem Versprechen, dass wir langsam gehen, jederzeit umkehren können etc. Wir sind zur Brick Lane, einem Szeneviertel in East London gefahren. Selbst als wir um 13 Uhr ankamen waren dort noch nicht alle Geschäfte auf, es ging erst so gegen 14 Uhr los, aber dann wahrscheinlich bis tief in den Abend hinein. Im südlichen Teil der Brick Lane gibt es vor allem viele indische und bengalische Restaurants, weiter nördlich dann vor allem Second-Hand-Geschäfte, Pop up Outlet Geschäfte, Clubs und Bars. Es ist dort wie in Berlin vor 18 Jahren: Es gibt noch die ganzen alten Sachen von Vinyl-Platten bis Schlaghosen und abgefahrenes Zeug, was man nirgends sonst bekommt. In irgendeiner Mauer tut sich ein Loch auf, eine Treppe führt in einen Keller, es steht ein kleines Schild dran „Market“ mit Pfeil hinunter. Wenn man runter geht, gelangt man in einen großen unterirdischen Raum, in dem o.g. Sachen verkauft werden. Oder zwischen einem Haus und einem Abhang, der zu den S-Bahn-Gleisen runterführt, gibt es eine Holztür, auf einem Schild steht „Bitsch Kitsch“, und wenn man den Pfeilen folgt, gelangt man durch einen Holzgang in einen Verschlag, wo sie allerhand verrücktes Zeug feilbieten. Ich liebe das! Vor allem aber wollte ich den Jungs die Graffiti rund um die Brick Lane zeigen, die ich bei der Führung bei meiner letzten Reise gezeigt bekommen hatte. Ich fand alle wichtigen Stellen wieder und erklärte den Jungs das, was der Tour Guide uns damals erklärt hatte über die verschiedenen Sprühtechniken, über die berühmten Künstler, zeigte ihnen neue Graffiti, die dort im letzten August noch nicht gewesen waren und die berühmten von Jimmy C. und einem belgischen Künstler namens ROA. Ungefähr mit derselben Begeisterung, mit der Inga den Kindern die Harry Potter Ausstellung erklärt hätte, in dem verzweifelten Versuch, ihnen nahezubringen, was das Tolle daran ist, und dass sie, wenn sie auf Klassenfahrt nach London fahren und ihren Klassenkameraden die Brick Lane zeigen, die Kings sein werden. Luke zeigte als erstes Interesse und begann mit mir, in den Seitenstraßen, auf Stromkästen und in Nischen Graffiti zu suchen, um sie zu fotografieren. Nick war erst interessiert, als wir einen echten Graffiti-Sprayer sahen, der gerade angefangen hatte, auf einer schwarz übertünchten Wand zu sprühen. Ihn beobachteten wir eine Weile, aber er kam nicht so recht voran. Wir folgten der Brick Lane bis zu den Allen’s Gardens, einer großen Wiese mit tollen Spielgeräten für große und kleine Kinder. In wunderschönster Sonne verbrachten wir dort eine Weile. Hinter einer S-Bahn-Unterführung beginnt ein „Community Garden“, den uns damals auch der Graffiti-Führer gezeigt hatte. Eine ehemalige Brache, die von den Leuten zurückerobert wurde. Arme Leute, die keinen Garten haben, bauen sich dort aus Autoreifen und Europaletten kleine Beete und pflanzen Gemüse, Künstler stellen ihre Werke aus (aktuell ganz tolle Echsen aus Autoreifen), es gibt zwei Biocafé-Bauwagen mit Sitzecken aus Europaletten. Wir kamen mit einer Marokkanerin ins Gespräch, die in einem der Cafés verkaufte und demnächst irgendwelche Theaterstücke aufführen will, bei denen die Zuschauer auch Essen serviert kriegen. Auch da versuchte ich den Jungs zu erklären, warum ich das so liebe, wenn Bürger ihre Stadt so kreativ gestalten und man so schnell mit spannenden Leuten ins Gespräch kommt, und dass ich meine ersten Jahre in Berlin nur in solchen Projekten verbracht habe. Am anderen Ende der Allen’s Gardens beginnt die „Spitalfields City Farm“, ein kleiner Stadtbauernhof, der etwas an den Ziegenhof in Berlin (Danckelmannstr.) erinnert oder an die Domäne Dahlem. Auf einem, ehemaligen Parkplatz wurden 40 Tonnen Erde aufgeschüttet, kleine Ställe für Esel, Kühe und Hühner gebaut, Gemüsebeete angelegt, Bienenstöcke, Insektenhotels und alles, was dazugehört. Es gab Bastelstationen für Kinder, ein kleines Café mit glutenfreien Brownies und Eis, alle möglichen Unterschlüpfe mit Sitzgelegenheiten, von der Jurte über ein Baumhaus bis zu einem aus lebenden Weiden geflochtenen Zelt. Da hätten wir auch unser Familientreffen machen können – von Isabella bis Nick war für jedes Kind etwas dabei. Und: Es gab Schafe! Und was soll ich sagen: Ihr Anblick allein reichte, um Luke zu heilen. Kein Zeichen von Schwäche mehr, kaum hatte er die Schafe gesehen, war der Tag für ihn gerettet, er strahlte und wollte nicht mehr weg, und danach drehte er sich fröhlich auf dem Spielplatz auf den Karussells im Kreis, ohne ein Anzeichen von Schwindel. Als wir Hunger bekamen, gingen wir zum nahegelegenen Spitalfields Market, der noch aus dem viktorianischen Zeitalter stammt – inzwischen sind die alten Verkaufshäuschen mit einem modernen Glas- und Stahldach überdeckt und es gibt auch viele Restaurantketten. Wir aber suchten uns wieder in der Street Food Gasse etwas aus, Luke ein italienisches Wurst-Pasta-Gericht, Nick ein superscharfes indisches Curry und ich glutenfreie indische Reis-Pfannekuchen mit Kartoffelfüllung, die nicht ganz so gut waren wie die beiden Gerichte von gestern und vorgestern, aber auf jeden Fall sehr interessant. Gegen 17 Uhr waren wir zu Hause, und das ist besser so als gestern, wo wir auch 5 Stunden unterwegs gewesen waren, aber von 9 bis 14 Uhr. Nur hat man dann, wenn man um 14 Uhr schon wieder in der Wohnung hockt, das Gefühl, man muss unbedingt nochmal raus, und wenn man den Tag in Ruhe angehen lässt und kehrt um 17 Uhr zurück, dann reicht es auch und man kann es sich für den Abend gemütlich machen. Beziehungsweise müssen wir jetzt wohl packen. See ya soon!

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