Paris, 7. Tag

Standard

Letzter Tag. Heute haben wir uns noch die Promenade plantée, auch Coulée verte genannt, angeschaut – das Vorbild für die High Line in New York, also eine bepflanzte und zum Park umgewandelte ehemalige Bahntrasse. Scheint tatsächlich noch ein Geheimtipp zu sein, so wie es das Internet versprach, zumindest der Anfang der Promenade, die bis zur Ringautobahn reicht. Wir sind ab Metro Bel-Air eingestiegen und 2,6km bis fast zur Bastille gelaufen. Wunderschön, noch schöner als in New York, da es schon nicht mehr so künstlich wirkt, sondern die Pflanzen sich schon wirklich den städtischen Raum zurückerobert haben und es natürlich aussieht. Wunderschöne Blicke in Hinterhöfe, an denen einstmals die S-Bahn vorbeidonnerte und die jetzt auf eine schöne grüne Ader durch die Stadt schauen. Erst kurz vor der Bastille kamen dann die einen oder anderen Touristen dazu, jedoch kein Vergleich mit dem Gedränge und Geschubse in New York. Am Rande der Promenade am Jardin Reuilly entdeckten wir auch einen Spielplatz mit Fußballtoren und die Jungs spielten begeistert eine halbe Stunde lang, denn sowas hatten sie hier bisher vermisst. Es ist wirklich ein guter Tipp für Städtereisen mit Kindern, immer einen Ball, eine Frisbee und ein Set Tischtenniskellen dabei zu haben, sodass sie in den Pausen oder Wartezeiten etwas zu tun haben. Ich las derweil auf einer Bank in der Sonne.

Dann zwang ich den Jungs (mit Eis und Cola gestärkt) einen kleinen einstündigen Gewaltmarsch durch St. Germain auf (durch den Botanischen Garten und über einige sehr nette Pariser Plätze mit Brasserien, Kirchen, Spielplätzen, hübschen Häusern, für die wir allerdings nicht so richtig ein Auge hatten) mit der Aussicht, an dessen Ende an den Katakomben von Paris anzukommen, worin man die Knochen und Totenschädel der mittelalterlichen Pestkranken bewundern kann. Dort angekommen mussten wir feststellen, dass die Warteschlange einmal um den Block reichte. Die Wartenden vorne in der Schlange berichteten, bereits 2,5 Stunden gewartet zu haben. Ich hätte nichts dagegen gehabt, mich wartend etwas auszuruhen, da es heute auch nicht ganz so heiß war, und an einem der umliegenden Imbisse etwas zu essen zu holen und mich zu stärken, um mir dann die Katakomben anzusehen, doch die Jungs hatten keine Lust. Und da dies unser letzter Tag ist und sie wirklich sehr tapfer waren diese Woche und – zwar meckernd und sich teils unverschämt benehmend – aber doch alles mitgemacht hatten, wollte ich ihnen nun ihren Willen lassen. Im Nachhinein hätten wir es anders herum machen und uns heute Morgen um 9 an den Katakomben anstellen sollen, dann hätten wir mit etwas Glück nur eine Stunde gewartet, und danach die Promenade lang spazieren können. Naja, hinterher ist man immer schlauer.

Wir fuhren also heim zur Tischtennisplatte, die nach zwanzig Minuten frei wurde, und die Jungs spielten ihre ausgiebigste Runde Tischtennis, fast 1,5 Stunden lang. Von der Nachbarplatte grüßten freundlich erst ein dicker kleiner Vater mit seinem dicken kleinen Sohn und dann eine Gruppe Studenten, die Rundlauf spielten, und ich dachte, während ich weiter in meinem Buch über einen Missionar in Grönland im 19. Jahrhundert las, dass es doch viel „echter“ ist, unter den Parisern an der Tischtennisplatte zu sitzen, als mit den Touristen an den Katakomben anzustehen.

Zum Mittagessen kauften wir uns „un poulet roit“ (Brathähnchen), das ich in fast perfektem Französisch bestellte, so wie mir auch die Frage „C’est la direction de la Bastille?“ auf der Promenade ohne nachzudenken über die Lippen gekommen war.

Somit waren wir jetzt in allen vier Himmelsrichtungen in Paris: im Nordosten wohnen wir, im Osten/Südosten haben wir Pere Lachaise und die Promenade plantée gesehen, im Süden St. German, im Südwesten den Eiffelturm, im Nordwesten den Jardin D’Acclimatation, im Norden Montmartre. Zeit heimzukehren? Ich bin froh, dass die Woche ohne Pannen und Katastrophen herum ist und ich meine Mission, die Jungs heil wieder nach Hause zu bringen, morgen hoffentlich erfüllen werde. Einiges an Anspannung wird dann von mir abfallen. Aber ich bin auch sauer, dass die ständige Sorge, dass bloß alles gut geht, mich dazu brachte, mich zu freuen, dass die Tage so schnell rumgingen. Ich weigere mich, mich von dieser Angst einschüchtern zu lassen, und würde gerne einfach aus Trotz noch länger bleiben. Andere Leute fahren einfach drauflos – nach Grönland im 19. Jahrhundert!

Wir werden nun packen und heute Abend um 21 Uhr zum dritten und letzten Mal das Lichtspektakel am Eiffelturm von unserem Aussichtspunkt im Parc de Belleville aus beobachten. Salut!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s