Paris, 3. Tag

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Heute Morgen hatte ich Luke versprochen, dass wir erst Tischtennis spielen gehen, weil die Platten ja nachmittags von Dutzenden von Kindern besetzt sind, und dann danach erst zu unserer Unternehmung aufbrechen. War natürlich wieder nix, denn morgens sind im Parc de Belleville genau wie in Chinatown, New York, die Chinesen unterwegs, machen ihre Morgengymnastik – oder spielen Tischtennis. Lukes Laune war also gleich wieder im Keller. Auch der Alternativvorschlag, im anderen Park Frisbee spielen zu gehen, funktionierte nicht, weil der Park noch abgeschlossen war. Lukes Laune noch tiefer im Keller. Erst als wir in Montmartre aus der U-Bahn stiegen und mit den Menschenmassen in eine Gasse mit einem Andenkenladen neben dem anderen gespült wurden, leuchteten die Augen wieder. Die Jungs kauften sich Käppis und noch ein paar unnütze Sachen, ich ein T-Shirt. Auf den Stufen, die zur Sacre Coeur hoch führen, fanden wir es spannend und blieben in der superwarmen Sonne (endlich!) eine Weile sitzen, um die fliegenden Händler zu beobachten, von denen dann auch einer festgenommen wurde, die Straßenmusiker mit Harfe und die Touristenmassen aus aller Welt.

Dann ließen wir uns mit besagten Touristenmassen im Kreisverkehr durch die Sacre Coeur spülen, in der sie allen Ernstes versuchten, gleichzeitig einen Gottesdienst zu veranstalten. Die singenden Nonnen beeindruckten die Jungs („Wie in Sister Act!“), dann zündete jeder von ihnen eine Kerze an und wünschte sich ganz fest eine neue Niere für Papa, damit er 100 Jahre alt wird. Dann spülte uns der Touristenstrom weiter durch Montmartre zum Place de Tertre, wo die Straßenmaler sich die Hand geben und Touristen portraitieren oder ausgedruckte (!) Bildvorlagen mit ein paar Aquarellfarben-Tropfen zum Leben erwecken und teuer verkaufen. Es war wirklich unglaublich voll dort und wurde immer voller, es ist wirklich schade, dass so ein hübsches Viertel von den Touristen total zerstört wird und das Kunsthandwerk fast schon komplett durch billigen Andenkenschrott ersetzt worden ist, und kaum einer der Leute sich mal einen Schritt abseits der Haupttouristenadern bewegt. Das machten wir dann und suchten einen Flohmarkt, den wir leider nicht fanden, kamen aber dafür an ein paar hübschen Plätzen vorbei, die endlich so waren, wie man sich Paris vorstellt: enge Gässchen, die auf den Platz zulaufen, hübsche Häuser mit gusseisernen Balkonen, die ihn einrahmen, drei Cafés unten im Erdgeschoss, in denen die Leute zeitunglesend ihren Kaffee trinken.

Auf dem Rückweg zur U-Bahn fanden wir dann noch einen Spielplatz, auf dem die Jungs ein bisschen kickten, und wieder in unserem Kiez schauten wir noch kurz an den Tischtennisplatten vorbei, die wieder besetzt waren (anscheinend gibt es eine ungeschriebene Regel, wann wer die Platten benutzt, sie sind immer voll, und Touristen wie wir sind da nicht vorgesehen) – aber die chinesischen Männer hatten ein Einsehen und ließen die Jungs eine halbe Stunde spielen. Sie hatten einen Riesenspaß, aber ihr braucht nicht zu glauben, dass sie danach vielleicht mal ZUFRIEDEN waren. Nein, das wäre ja auch zu schön. Nach wie vor streiten und motzen sie den ganzen Tag. Aber das taten sie in Mardorf auch und das hätten sie in Berlin auch getan. Also Augen zu und durch.

Zum Mittag gab es heute Kartoffeln mit Soße Hollondaise und Tiefkühl-Cordon Bleus. Nach der Mittagsruhe gingen wir wieder in den größeren Park in der Nachbarschaft und genossen die Sonne. Das heißt, ich versuchte, sie zu genießen, während die Jungs motzten, weil es hier keine Tischtennisplatten gab, weil sie ihre Frisbee in den Baum schossen, weil es zu voll war, um zu kicken, weil sie beide ein und denselben Stock haben wollten, weil einer auf den Baum klettern wollte, während der andere irgendwas anderes geplant hatte… MANN!!! Ich ließ mich nicht aus der Ruhe bringen, las ein wenig, warf ein wenig den Ball mit Luke und beobachtete die Franzosen, die ihren Ostermontag mit Bierchen im Park genossen und wirklich genauso aussehen, wie man sie sich vorstellt, wie in La Boum eben, und die sich überhaupt nicht für Verbote interessieren – in dem Park ist alles Mögliche verboten, doch Baustellenzäune werden einfach von Jung und Alt niedergetreten und die abgesperrte Wiese zurückerobert, es wird gekifft und laut Musik gehört und es gibt auch im Park eine ungeschriebene Ordnung, auf welcher Wiese sich die Liebespaare treffen, auf welcher Wiese die besoffen rappenden Jugendlichen und auf welcher Wiese die Familien. Durch schlaues Zuhören an einem Kiosk fanden wir heraus, dass diese besondere Art von frisch gebackenen Waffeln, die sie alle verzehrten, „Gaufres avec Nutella“ heißen, die wir dann auch gleich bestellten. Auf dem Heimweg dann noch einkaufen beim Discounter, den Nick entdeckt hat, informieren beim Immobilienmakler, dass eine 1-Zimmer-Wohnung im 19. Arrondissement 190.000 bis 209.000 Euro kostet, eine 4-Zimmer-Wohnung 570.000. Dann noch ein letzter Zwischenstopp an den Tischtennisplatten, um Luke ruhig zu stellen, doch die waren – wieder, immer noch – besetzt.

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