Paris, 2. Tag

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Nachdem gestern Abend die Kleinkinder in der Wohnung über uns um 22 Uhr erst nach Hause gekommen waren und noch einen Riesenlärm veranstaltet hatten, schliefen wir sehr gut, waren aber früh um sieben wach. Die Jungs haben Ostereier gesucht – ein bisschen was hatte ich mitgenommen.

Weil wir so früh startbereit waren, warf ich meinen eigentlichen Plan über den Haufen, der für heute Montmartre vorsah, da dort um 8 Uhr wohl keine Straßenkünstler zu erwarten waren, und dachte, fahren wir lieber zum Eiffelturm. Dort muss man ja eh Schlange stehen und so früh morgens ist vielleicht noch nicht so viel los. Da unsere Wohnung abseits vom Touristenparis liegt, was ja auch gewollt war, mussten wir mit drei U-Bahnen fahren und machten sehr viele Beobachtungen der kleinen Art. Ich freue mich riesig, dass die Jungs alt genug sind, um genau daran Spaß zu haben. Zu beobachten: Was ist hier anders als bei uns.

Uns fiel auf, dass die U-Bahnen Räder haben, die wie Autoreifen aussehen. An einer Haltestelle (St. Michel) war der Bahnsteig so niedrig, dass man sich bestimmt 60cm hoch in die Bahn hangeln musste, was eine Oma vor große Schwierigkeiten stellte. Erst schmiss sie ihre Handtasche einfach drauflos, dann kraxelte sie selber hinterher. Auch ist Paris viel hügeliger als ich dachte. Und morgens wird Wasser aus den Gullis hochgepumpt, welches dann am Straßenrand hinunterläuft und den Müll talwärts spült. Die Straßenfeger gehen in neongrünen Klamotten und mit neongrünen Besen hinterher und fegen den Rest nach.

Der Eiffelturm ist wirklich toll, hätte ich gar nicht gedacht. Selbst bei Sonnenschein (Wetter heute: viel Sonne plus ein paar Wolken, aber trotzdem vormittags eisekalt wegen des Windes, wir mussten Luke eine Mütze kaufen) und aus der Nähe sieht er immer irgendwie aus wie im Dunst. Und wenn er zwischen zwei Altbauten hervor lugt, sieht es wirklich schön aus. Leider standen auch frühmorgens schon die Leute in unglaublichen Schlangen an, und der Tipp aus dem Internet, nicht den Fahrstuhl, sondern die Treppen zu nehmen, weil dort die Schlange kürzer sei, kann man zumindest an Ostern vergessen. Wir entschlossen uns, nach den Osterfeiertagen wiederzukommen, in der Hoffnung, dass wir dann nicht dreimal um den Block anstehen müssen, genossen aber noch eine Weile den tollen Anblick und machten Fotos. Dann runter zum Seine-Ufer. Dort gibt es eine Art Trimm-dich-Pfad mit Fitnessgeräten alle paar Meter, sehr viele Jogger und Radfahrer, die „schwimmenden Gärten“, in denen man auf Liegestühlen liegt und die vorbeifahrenden Boote beobachtet, bis plötzlich der eigene Untergrund anfängt zu schaukeln und man total erschreckt feststellt, dass man eben nicht auf festem Boden sitzt.

Die Kinder fanden eine Spielstation, an der man einen Ball, der mit einem Seil an einem Pfosten festgebunden ist, mit zwei Tennisschlägern hin und her schlägt. Weil da gerade ein paar Sonnenstrahlen etwas wärmten, setze ich mich eine halbe Stunde auf eine Bank und ließ die Jungs toben. Das war perfekt. Wenn genau solche Momente zufällig eintreten, ist die Städtereise mit Kindern perfekt.

Dann gingen wir ins „Abwasser-Museum“ (Musée des Égouts), das hatte ich aus einem Artikel mit Tipps für „Paris mit Kindern“. Man steigt in die Kloake runter und durch ein paar unterirdische Gänge durch, um sich die echte Pariser Scheiße anzusehen (und zu riechen), etwas über die Geschichte der Stadt aus Sicht der Kloake zu erfahren, Fundstücke wie alte Waffen zu sehen, die dort unten gefunden wurden. Wirklich recht spannend, nicht teuer, nicht überlaufen, und den Kindern gefiel es. Dann spazierten wir weiter an der Seine entlang über die Passerelle de Solférino, und durch die Tuilerien zurück zur U-Bahn.

Mittags in der Wohnung Chili mit Reis und etwas ausruhen.

Am Nachmittag wärmten die Sonnenstrahlen endlich ein bisschen und in Winterjacke ließ es sich aushalten ohne zu frieren. Wir gingen in den größeren der beiden nahegelegenen Parks, Parc des Buttes-Chaumont. Ich hatte Luke versprochen, dass er dort Frisbee spielen darf, aber es ist ein gärtnerisch aufwändig angelegter Park, in dem es offenbar nicht vorgesehen ist, dass Kinder spielen, außer in den minikleinen Babyspielplätzen. Es gibt einen See und einen Wasserfall und Felsen und eine Grotte und steile Berge und Treppen mit schönem Ausblick über Paris, aber keine richtige Liegewiese oder einen Ballspielplatz. Nach viel Gemecker, das auch Eis und Popcorn nicht beenden konnten, fanden wir dann doch noch eine halbwegs taugliche Wiese und die Jungs spielten ein wenig Frisbee, während ich wieder mit ein paar Sonnenstrahlen belohnt wurde. Wieder so ein schöner Moment. Das 19. Arrondissement ist sehr viel aufgeräumter und gutbürgerlicher als das 20., in dem unsere Wohnung liegt.

Danach wollten die Jungs unbedingt noch Tischtennis an den gestern entdeckten Platten in dem anderen, unserer Wohnung näher gelegenen Parc de Belleville spielen. Wir also hin, doch dort spielten bereits eine Menge Ghetto-Kinder aus den umliegenden Hochhäusern Rundlauf. Nick und Luke waren natürlich nicht zu überreden, einfach mitzuspielen. Auch wollten sie sich nicht neben die Platten stellen, um deutlich zu machen, dass sie auch mal spielen wollten. Dann verstauchte sich ein älteres Mädchen offenbar den Knöchel und schrie zum Steinerweichen. Eine andere glücklicherweise anwesende erwachsene Frau kümmerte sich, die Ghetto-Kinder gingen glotzen, und so war unsere Chance gekommen, doch noch ein wenig Tischtennis zu spielen. Wieder so ein schöner Moment: Tischtennis spielen in Paris – wer hat das schonmal gemacht? Nick wollte immer noch nicht, er ist echt ein Schisshase. Er befürchtete, dass uns die Leute ansprechen würden und wir sie nicht verstehen könnten. Sie ließen uns eine Viertelstunde spielen, bis sie uns tatsächlich ansprachen – es war völlig klar, dass sie diese öffentlichen Platten als ihre eigenen Platten betrachteten und wieder spielen wollten. Ich redete auf Deutsch auf sie ein und tat so als wisse ich nicht, was sie wollten. Das verscheuchte sie erstmal für weitere zehn Minuten. Nick war es furchtbar peinlich und er wollte sofort verschwinden. Erst als die Kinder dann wirklich penetrant neben uns standen und uns überhaupt nicht mehr in Ruhe ließen, gingen wir.

Ich bekam einen niedrigen Blutzucker, was fast immer nachmittags gegen 17 Uhr passiert. Trotzdem ist es in einer fremden Umgebung doppelt schlimm. Mehrmals hatte ich am heutigen Tag gedacht: Trotz aller schlimmen Erfahrungen der letzten Jahre, die mich übervorsichtig, schwach, ängstlich und zu einem Abklatsch meiner selbst gemacht haben, bin ich tief in meiner Seele noch abenteuerlustig, reisefreudig und interessiert an neuen Erfahrungen, und diese ursprüngliche Maja möchte ich wieder hervorholen. Ich bin nur allzu bereit dazu. Doch wenn es mir dann wieder nicht gut geht, wegen Blutzucker oder Erschöpfung, dann denke ich: Das Wrack, das ich bin, ist jetzt das echte Ich und ich muss mich einfach damit abfinden. Doch diese Gedanken sollen nicht die weitere Reise trüben. Der geigende Nachbar ist wieder am Werk – habe mich fast schon dran gewöhnt…

Um die Bilder zu vergrößern, bitte anklicken:

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