Letzter Tag

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Der letzte Tag ist irgendwie immer doof, man hat schon halb gepackt, will vor dem anstrengenden Reisetag keine großen Dinge mehr unternehmen und nicht noch auf den letzten Drücker wer weiß was für Geld ausgeben, und langweilt sich irgendwie rum. Das war in Prag auch schon so. Zumal heute nur 19 Grad sind und wir uns den Arsch abfrieren (hätte nicht gedacht, dass ich das hier nochmal schreibe), also mit in der Sonne liegen ist auch nichts. Außerdem ist mir schwindelig, wahrscheinlich wieder die sich anbahnende Flugangst, und ich wäre heute nicht wirklich gern noch weit weg von der Ferienwohnung in den Bronx Zoo gefahren, der uns empfohlen wurde, oder mit dem Boot der Circle Line um ganz Manhattan herum, was uns empfohlen wurde, oder eben nach Long Island raus.
Heute Vormittag war unsere Vermieterin Lillian ein Stündchen zum Quatschen bei uns oben. Und sie ist supernett. Sie ist eine Schauspieler-Agentin mit eigenen Angestellten und Büro in Manhattan. Sie war in erster Ehe wohl mit einem Broadway-Schauspieler verheiratet und hat daher die Kontakte, hat irgendwas mit Kunst studiert, dann in einer Talentagentur ein Praktikum gemacht und so wurde sie, was sie ist. Sie muss in der Welt rumreisen und Tag und Nacht für „ihre“ Schauspieler da sein, wenn sie eine Schaffenskrise haben und sie anrufen, weil sie getröstet werden wollen. Dieses Jahr war sie bei der Berlinale mit einem ihrer Stars. Währenddessen hat sie in der Berliner Wohnung von REM-Sänger Michael Stipe gewohnt und ihn dort auch getroffen, weil er der beste Freund von dem Star ist, den sie betreut. Nun kenne ich also um eine Ecke Michael Stipe! Gestern Abend war Lillian zu einer Premiere eines ihrer Kunden am Broadway. Wie aufregend! Jetzt ist sie in zweiter Ehe mit Rob verheiratet, einem eher uncoolen, aber netten Mann, der von zu Hause aus arbeitet, und sie haben zwei Kinder, ein Mädchen, ca. Lukes Alter, und einen Jungen, 4 Jahre. Als der Junge geboren wurde, ist die Schwiegermutter bei ihnen eingezogen und hat für drei Jahre (!) sich um die Kinder gekümmert, damit Lillian sofort wieder arbeiten konnte. Sie sagt, sie verdienen nicht wirklich genug Geld, weil das Leben hier so teuer ist, darum ist das Haus auch recht oll. Für den 4jährigen Jungen gibt es keine staatliche Betreuung, und eine ordentliche Ganztagsbetreuung würde 20 000 Dollar im Jahr kosten!!! (Von der Alternative farbige Nanny hatte ich ja schon berichtet). Ein Problem sind auch die Ferien, allein 2 Monate Sommerferien! Das Mädchen ist in einem Sommercamp, jeden Morgen wird sie mit dem Schulbus abgeholt und nach Staten Island gefahren, wo sie bastelt, Sport macht und an den Strand geht, und abends wird sie wieder gebracht. Das kostet aber wohl auch viel Geld. Für den kleinen Bruder gibt es so etwas noch nicht. Für ihn suchen sie händeringend noch eine Betreuung für die zweite Ferienhälfte, wenn die Schwiegermutter wieder abreist. Ihr Urlaub besteht aus 5 Tagen einsame Insel in Florida (nächste Woche, nur die Eltern). Sie haben den oberen Teil des Hauses als Ferienwohnung abgetrennt, weil sie so ein wenig Geld dazuverdienen – eigentlich bräuchten sie die Zimmer selbst. Also auf jeden Fall eine sehr interessante Familie und ich habe mich gefreut, als Lillian mich eine „cool Mom“ nannte und sagte, wir sollten unbedingt in Kontakt bleiben und wir könnten jederzeit gerne in den Ferien Wohnungen tauschen.
Nachdem Lillian sich verabschiedet hatte, sind wir nochmal nach Coney Island gefahren, aber bei dem Wind und der Kälte konnten die Jungs natürlich nicht ins Wasser. Und der Rummel ist so teuer, entweder man kauft pro Kind für 35 Dollar eine 4-Stunden-Alles-Inklusive-Karte oder bezahlt für jedes Karussell 6 Dollar pro Kind und sehr kurzer Fahrt. Also durften die Kinder nur einmal an einem Wasserschießstand mitmachen und einmal Wasserrutsche fahren, weil ich mich ja nicht traue, die etwas aufregenderen Achterbahnen mit zu fahren. Da hätten wir unseren Papa Andy gebraucht, der mit seinen Jungs wilde Dinge macht, während „cool Mom“ Maja irgendwo in der Strandbar wartet… Wir haben noch ein Shirt für dich bekommen, Andy. Ich hoffe, sie passen, wir haben alle in M genommen, weil selbst L schon riiiiesig ist hier.
Nach der Mittagspause sind wir nochmal zu einer größeren Runde durch den Prospect Park aufgebrochen, inclusive verlaufen. Gut ausgeschildert und auf dem Park-Plan ordentlich vermerkt sind nur die großen Fahrradstraßen. Da ich aber keine Lust habe, riesige Runden auf Asphalt zu drehen, sondern mich lieber in die Büsche schlage, passiert es leider immer wieder, dass wir ganz woanders auskommen als wir wollten. Ich find das ja nicht schlimm, ist ja egal, wo man lang spaziert, aber die Kinder sind dann immer sauer.
Schließlich kamen wir aber doch bei unserem Ziel an: dem so genannten Lefferts House, einem ehemaligen Einwandererhaus, das ein paar Straßen weiter in Brooklyn stand und nun als Museum in den Park verfrachtet wurde. Es ist nur sehr klein, aber man lernt einiges über die Geschichte von Brooklyn, das erst ab 1918 zu einem Stadtteil wurde und vorher Farmland war. Zuerst vertrieben die Holländer die Lenape-Indianer, dann vertrieben die Engländer die Holländer. Die Familie Leffert war wohl reich mit Sklaven und allem, später verpachteten sie ihren Grundbesitz und verdienten so ihr Geld und zogen selber ins städtische Brooklyn. Um das Einwandererhaus herum sind nette kleine Stationen für Kinder angelegt, sie können Wasser aus dem Brunnen pumpen, nach Würmern graben und altmodische Spiele spielen wie Stelzen laufen, Hula-Hoop-artige Reifen mit einem Stock zum Rollen antreiben oder kleinere Ringe mittels zwei Stöckchen werfen und fangen. Letzteres hat uns viel Spaß gemacht! Man kann das Lefferts House auch für Kindergeburtstage mieten. Außerdem war heute auch das historische Karussell geöffnet und Luke fuhr eine Runde. Dann wieder zurück zum anderen Ende des Parks, wieder verlaufen, eine Stunde auf unserem Spielplatz.
Und schließlich der Grund, warum wir heute so lange wach blieben (sonst Bettzeit 18 Uhr): das Brooklyner Park-Festival „Celebrate Brooklyn“ begann um 19.30. Ich dachte, wenn ich schon in Manhattan nicht richtig ausgehen kann, gehen wir wenigstens einmal zu diesem kostenlosen (bzw. Spende 3 Dollar) Musikfestival. Es war ein minikleines Festivalgelände aufgebaut mit Hippie-Shop, Getränke-Shop und Dixie Klos, Wiese zum Zuhören auf der Picknickdecke und Bestuhlung. Allein schon die Atmosphäre super. Die Musik war dann nicht so ganz meins, angekündigt war Gospel, es war aber eher Jazz mit Gospel-Texten. Die Sängerin, eine farbige Brooklyner Einheimische, war zweifellos sehr gut, aber so richtig warm wurden wir mit ihrer Musik leider nicht. So sind wir dann nach 40 auch witterungsmäßig sehr kalten Minuten wieder nach Hause gegangen. Trotzdem war das ein netter Abschluss des Tages und unser Nachmittagsausflug hat tatsächlich nochmal 4 Stunden gedauert. Jetzt, wo ich das hier schreibe, ist es schon Freitag morgen und wir packen jetzt, gehen noch eine Stunde auf den Spielplatz und Mittagessen mit unseren letzten Dollars in dem Familienrestaurant Dizzy’s, das mir empfohlen wurde, und dann fahren wir zum Flughafen! See ya soon!

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