Dienstag, 23. Juli

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Heute Nacht hat es gewittert und geregnet, und die Wettervorhersage war auch für heute schlecht. Also musste ich die Jungs wegen ihres Strandausflugs nochmal auf morgen vertrösten – was natürlich gar nicht gut ankam. Zumal wir letztendlich sowohl gestern als auch heute durchaus an den Strand hätten gehen können, denn es war zwar teils dick bewölkt und es fielen auch drei Tropfen Regen, aber es war warm genug und insgesamt schön genug, um sich am Strand nicht die Grippe wegzuholen.
Egal, nun hatte ich anders entschieden und (sollten die nächsten beiden Tage gutes Wetter bringen) unseren letzten Manhattan-Tag auf heute vorverlegt. Wir fuhren mit der U-Bahn zur High Street, letzte Station in Brooklyn, und spazierten über die Brooklyn Bridge nach Manhattan rein. Auch ein totales Touri-Ding, aber egal. Die Brücke ist ja sowas von klapperig und verrostet, dass man sich echt wundert, dass die noch hält (auf zwei Spuren fahren Autos, auf zwei Gleisen U-Bahnen und in der Mitte verläuft die Fußgänger-Fahrradfahrer-Promenade). Auch ist sie teils eingerüstet und mit Baustellentüchern verhängt. Richtig schön und romantisch sieht sie wahrscheinlich nur noch nachts im beleuchteten Zustand bzw. auf Postern aus. Man muss aufpassen, dass einen die rasenden Fahrradfahrer nicht umfahren. Aber die Aussicht ist wirklich atemberaubend und lohnenswert! Jedenfalls Richtung Südwesten. Richtung Nordosten die Ghettos der Lower East Side und Alphabet City.
Ein paar Straßen weiter nach dem Ende der Brücke beginnt Chinatown. Wir erreichten dieses kleine Stadtviertel gegen halb zehn, also bevor die Läden aufmachten. Wie schon mehrmals gesagt, das ist einfach das Beste! Morgens vor allen anderen da sein, da kriegt man am meisten mit wie es „in echt“ ist! Wir machten auf einem Spielplatz Pause, auf dem asiatische Senioren ihre Morgengymnastik machten. Zum Schießen!!! Die Ömakes, die mit bierernsten Gesichtern ihre Tai Chi Übungen machen! Nicht angeleitet, sondern jeder sein eigenes Programm. Ich hätt mich wegschmeißen können vor lachen! Aber nicht auslachen, sondern fröhliches Lachen, weil sie so liebenswert aussahen. Nebenan übte eine chinesische Summer School Klasse Baseball. Die chinesischen Kinder hatten alle keine Lust. Nick und Luke wollten ewig zugucken. Später gab es auf dem Spielplatz eine Summer Stage Vorführung für die chinesischen Kinder. Dutzende von Kindergartengruppen marschierten auf, die Kinder alle in jeweils gleichfarbigen T-Shirts, eine Erzieherin mit eine Bollerwagen voller Trinkflaschen hinterher scheuchte uns mit kreischenden China-Lauten aus dem Weg, Luke war sauer, weil er von seinem guten Platz wegmusste. Verstand nicht, dass er hier in Chinatown, New York, ausnahmsweise mal nicht die Hauptperson war. Die Vorführung war dann etwas lahm, mit Jonglieren und so, für Kindergartenkinder eben. Inzwischen hatten die Geschäfte aufgemacht, Millionen von Chinesen waren aus ihren Löchern gekrochen, wir gingen in die kleinen Einkaufsstraßen von Chinatown rein. Alle Ladenschilder auf Chinesisch. Immer abwechselnd Gemüseläden und Plastikschund-Andenken-Geschäfte. Vollgestopft, nicht klimatisiert, sobald man näher kam, rannte eine chinesische Mutti hinter einem her und wollte einem Sachen andrehen. In dem Reiseführer „Die 50 besten New-York-Unternehmungen mit Kindern“ war die Ice Cream Factory empfohlen, angeblich mit 50 Bio-Eissorten. Wir fanden sie auch, aber alle Sorten, die die Kinder wollten, waren zufällig gerade ausverkauft – von wegen 50 Sorten. Luke konnte sich trotzdem für eine entscheiden, Nick schmollte.
Dann weiter Richtung Little Italy. Über der Straße hängt ein Schild: „Welcome in Historic Little Italy“, doch die Geschäfte sind noch alle chinesisch. Doch nach und nach werden sie durchsetzt mit Pizzerien, in den Schaufenstern hängt jetzt Parmaschinken, die Andenkenläden sind jetzt gut sortiert, großräumig und klimatisiert, kein Chinese mehr weit und breit, und dann steht man tatsächlich in Little Italy! Nick bekam hier sein Erdbeereis.
Wiederum ein paar Straßenzüge weiter beginnt Soho. Plötzlich schicke Miezen und braungebrannte Typen, teure Geschäfte und Galerien. Ein Immobiliengeschäft informierte uns: Ein schmales dreigeschossiges Häuschen in Soho kostet 7,9 Millionen Dollar!!! Soho ist ja so trendy, aber erstens sehen die Häuser mit den Feuertreppen (zwar original alt-New York und schön) genauso heruntergekommen aus wie in Chinatown und außerdem wäre mir das zu viel Schickimicki-Publikum dort. Da fühlt man sich ja auch nicht zu Hause. Aber der Hot Dog kostete nur halb so viel wie oben im Theater District!
Als wir dann wieder am Broadway ankamen, waren die Kinder zu erledigt, um noch T-Shirts für Papa Andy bei Adidas oder Billabong zu shoppen. Wir fuhren mit der U-Bahn zurück. Jetzt gleich noch typisches Nachmittagsprogramm: Prospect Park.
Hier noch ein paar Notizen von gestern: Ich habe beobachtet:
…ein sehr altes asiatisches Pärchen mit schlohweißem Haar, was bei Asiaten ein unerwarteterer Anblick ist als bei Europäern, die beide mit Krückstock in die U-Bahn kamen und sich trotz arger Gehschwierigkeiten mehrmals umsetzten – nebeneinander, gegenüber, vorwärtsfahrend, rückwärtsfahren, vorne, mittig und hinten im Waggon, bis sie endlich einen Platz gefunden hatten, an dem sie zufrieden waren, zusammen U-Bahn zu fahren.
…ein Werbeplakat in der U-Bahn, auf dem stand: „Filmdreharbeiten sind gut für New York. Die Produktionsfirmen bringen jährlich 400 Millionen Dollar in unsere Stadt. Davon bezahlen wir tausende Lehrer für eure Kinder. Vielen Dank, dass ihr die Dreharbeiten in eurer Nachbarschaft unterstützt!“
…dass jedes zweite Auto, das hier in Brooklyn – auch in den guten Vierteln – am Straßenrand parkt, an den Stoßstangen total zerbeult ist. Wer das verhindern möchte, mietet sich einen monatlichen Parkplatz in einem der zahlreichen Park-Anlagen, die es hier überall gibt: zweistöckige Backsteinhäuser oder asphaltierte Plätze nicht größer als ein Bolzplatz, auf dem die Autos mittels Hebebühnen in mehreren Etagen und Stoßstange an Stoßstange eingeparkt werden – vom immer farbigen Parkplatzwärter – und wenn man sein Auto braucht, um wohin zu fahren, parkt der es einem wieder aus, indem er dabei möglichst wenige andere Autos umsetzt, was geradezu eine Kunst ist bei der Stapelweise der Autos!
…eine Gruppe farbiger Kindermädchen, die sich am Spielplatz trafen, wo ihre weißen Schützlinge sich vergnügten. Die Kindermädchen jeden Alters von junge Frau bis alte Mami und jeder Art von Körperumfang saßen auf einer Bank und unterhielten sich über Sex und passten eigentlich überhaupt nicht auf die Kleinkinder auf, die sich auf dem doch recht großen Spielplatz herumtrieben. Gelegentlich brüllten sie „Sophie!“, „Isabella!“, „Rochela!“, „David!“, ohne dass die Kinder sie hörten oder beachteten. Nur diejenigen, die sich um Babys zu kümmern hatten, hatten diese die ganze Zeit auf dem Arm. Gut, also eine popelte in der Nase und aß den Popel, bevor sie sich wieder dem Kind zuwandte. Die zweite, sehr dick, holte sich ein dickes Eis und fütterte sich selbst und das noch sehr kleine Baby abwechselnd damit vom selben Löffel. Will man, dass die Nanny vom selben Löffel isst, wie das Kind? Wird das Baby auf diese Weise genauso dick werden wie seine Nanny und die Mutter wundert sich warum? Das allerkleinste Baby von allen, Evelyn, wurde von allen sechs Nannys abwechselnd geküsst, auf den Bauch gepupst und so – will man das als Mutter? Dass sein Kind von sechs fremden Frauen beknutscht wird? Eine andere hatte ebenfalls sehr kleine Zwillinge dabei, die die ganze Zeit im Kinderwagen lagen, während die Nanny sich mit ihren Freundinnen unterhielt. Man muss dazu sagen, dass die Zwillinge nicht einmal meckerten, sondern die ganze Zeit neugierig die spielenden Kinder beobachteten. Aber will man das als Mutter – dass sich die Nanny mit ihren Freundinnen trifft und die Babys stundenlang mit krummem Rücken in der Babyschale liegen, ohne dass jemand mit ihnen mal Fingerspiele oder so macht? Eine weitere sagte: „Mann, ich hätte lieber ein Baby, um das ich mich kümmere (als die größeren Kinder, die um sie herumscharwenzelten)!“ Um sechs mussten sie wohl alle mit ihren Schützlingen zu Hause sein, jedenfalls brachen sie dann alle auf und zerstreuten sich in alle Himmelsrichtungen. Man weiß nicht, was man davon halten soll. Einerseits gönnt man es ihnen ja, dass sie nach einem sicher anstrengenden Tag, wo sie auch noch einkaufen und putzen müssen für ihre Arbeitgeber, sich im Park hinsetzen und ein bisschen quatschen. Aber keiner dieser Frauen hätte ich gerne mein Kind gegeben.
Zum Thema Angst habe ich übrigens gelesen: „Die Angst um den Arbeitsplatz, Angst vor Inflation, Angst vor lahmender Konjunktur – die Deutschen sind Spitze wenn es darum geht, sich Sorgen zu
machen. Das zeigte erst jüngst eine aktuelle GFK-Studie. Aus psychologischer Sicht ist das allerdings nicht schlimm und verwundert auch wenig. Denn diese deutsche Angst ist Ausdruck einer rastlosen und suchenden Haltung, sie ist produktiv und motiviert zu gesteigerter Beweglichkeit. Denn Identität bedeutet hierzulande nicht tradierte Selbstgewissheit, sondern notorischen Selbstzweifel. Angst und Zweifel sind die Triebfeder eines ganzen Landes. Zu dieser erfreulichen Erkenntnis kommt das rheingold Institut, dass jedes Jahr Tausende von Bürgern auf die Couch legt und so die Seelenlage der Deutschen ergründet. Lesen Sie in der beiliegenden Presseinformation, warum ein ganzes Land sich stetig Sorgen macht und warum das eigentlich gar nicht so schlecht ist.“

Außerdem habe ich gelesen: „Bei der missglückten Landung eines Passagierflugzeugs auf dem New Yorker Flughafen La Guardia sind jüngsten Angaben zufolge zehn Menschen verletzt worden. Wie die Fluggesellschaft Southwest Airlines mitteilte, werden sechs von ihnen ins Krankenhaus gebracht. Offenbar brach das vordere Fahrwerk der Boeing 737-700 mit 150 Menschen an Bord bei der Landung ab.“ Unser Rückflug rückt näher. Zeit, wieder Angst vor dem Fliegen zu kriegen!

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