Samstag, 20. Juli

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Gestern Abend, während ich auf einer Bank auf dem Wasserspielplatz im Prospect Park saß, lief im Hintergrund der Soundcheck für ein Park-Festival, bei dem es jeden Abend Konzerte gibt. Wäre es nicht so furchtbar heiß gewesen, hätte ich gern noch länger dagesessen und der Musik über den Zaun zugehört. Heute Morgen haben wir unsere Wäsche in einem Waschsalon gewaschen. Das klingt vielleicht banal, aber genau diese kleinen Dinge sind es, die einem das NY-Feeling geben – wenn man mit den anderen New Yorkern (dicken Muttis, Surfertypen mit Hunden und der asiatischen Betreiberin) im Waschsalon sitzt und dem Schleudergang zuguckt, anstatt im Hotel das Frühstücksbuffet mit lauter anderen Touristen einzunehmen.
Um neun sind wir zum zweiten Mal nach Manhattan aufgebrochen und standen um viertel vor zehn in einer Menschenschlange vor dem Foxxwood Theater, in dem ein Spiderman-Musical geboten wird. Als ich die Schlange sah, dachte ich nicht, dass wir noch Last Minute Tickets für 39 Dollar das Stück für die Show am Nachmittag kriegen würden (Originalpreis 50 bis 350 Dollar!), aber es hat geklappt, sogar drei Plätze nebeneinander (in der 100 Euro-Kategorie)! Die Jungs waren sehr aufgeregt, mussten nun aber vier Stunden lang machen, was ICH wollte, bis es um zwei Uhr zu Spidey gehen würde, so war es verabredet. Sie waren aber auch sehr beeindruckt vom Theater District, wir kamen an einigen sehr hohen Wolkenkratzern vorbei, alles blinkte und blitzte, digitale Werbetafeln, Stretchlimousinen, das volle Programm. Über dem Foxxwood Theater hing ein riesengroßes Leonard-Cohen-Plakat – ich nahm das als Zeichen, dass ich hier und heute am richtigen Ort war! Tatsächlich ist heute der erste Tag, den ich ohne jedes Unwohlsein oder Ängste erlebt habe und von vorne bis hinten genießen konnte.
Relativ in der Nähe lag der High Line Park – eine ehemalige Güterbahn-Trasse, auf der anno dazumal das Fleisch vom Meatpacking District zum Hafen gekarrt wurde. Als sie abgerissen werden sollte, hat sich ein Verein gegründet, einige Hollywoods-Stars machten mit, und sammelten Geld für den Erhalt der Trasse als Park. Der High Line Park lag „nur“ zwölf Blocks südlich und ich wollte hinlaufen, um U-Bahn-Geld zu sparen, aber auch um was von Manhattan zu sehen. Dabei stellten wir fest: Erstens: 12 Blocks können verdammt lang sein! Zweitens: Manhattan ist wirklich uneinschätzbar, auf einer Straße ist es supervoll mit Touristen, dann denkt man, geh ich halt im Schachbrettmuster einmal nach rechts und dann die nächste links runter, dann ist man gleich in einer komischen Gegend, in der man das Gefühl hat, lieber nicht sein zu sollen. Drittens: Es wird doch immer davon geredet, Manhattan sei komplett gentrifiziert, nur noch reiche Leute, immer teurere Mieten, alles übersaniert, aber das stimmt überhaupt nicht. Es gibt noch genug Ecken, aus denen man noch einiges herausholen könnte, in denen sich irgendwelche zweifelhaften Autowerkstätten an irgendwelche zugeschrotteten Baugrundstücke reihen und irgendwelche halbgaren Typen rumsitzen, aber das sind eben die armen Ecken, und die nimmt sich keiner vor.
Der High Line Park selbst ist zweifellos gärtnerisch schön angelegt und bietet einige interessante Einblicke in Hinterhöfe, die man sonst nicht bekäme, aber da es eben nur eine schmale Bahntrasse ist mit einem schmalen Weg und einem Grünstreifen daneben, hin und wieder eine Bank, schiebt man sich im Grunde mit einer Menge Menschen auf engem Raum durch die Gegend und kann auch nicht gemütlich irgendwo pausieren. Wie überall (ja auch in Prag oder hier an den Stränden) gilt die Devise: morgens früh als erster da sein, dann hat man die beste Atmosphäre. Das hatten wir heute verpasst. Also achtundzwanzig Blocks zurück nach Norden!
Das war heiß und anstrengend, besonders für Nick, der Blasen an den Füßen hat, weil er seine (vom Hydranten) nassen Schuhe ohne Socken getragen hat. Auf der 8th Avenue liefen wir zufällig in einen Wochenend-Markt rein, das war schön, ich habe mir für 10 Dollar ein indisches Kleid gekauft, das ich möglicherweise nie anziehen werde. Oder doch! Die Jungs fanden jede Menge kleine Münzen, Wasserspielplätze waren auch immer irgendwo, ein Mann spielte Tennis gegen eine Hauswand. Mittagessen haben wir alle drei woanders gegessen: Ich bei Wok to Walk http://www.woktowalk.com an der 38th Street, einem Asiaten, bei dem man ein Grundgericht auswählt (Reis oder Nudeln mit Basisgemüse) und dann einzelne Zutaten (Fleisch, Brokkoli, …) dazu aussucht und schließlich die Soße, ich hatte Reis mit Brokkoli und Erdnusssoße. War mir ein bisschen zu viel Soße im Verhältnis zum Reis, aber sonst sehr lecker, leicht scharf, und dies war mein Lieblingsmoment in Manhattan: dort in diesem kleinen Asiaimbiss zu sitzen, mit einigen Menschen, die vielleicht New Yorker waren oder auch Touristen, aber zumindest keine voluminösen, nervigen.
Nick hat einen echten New Yorker Hot Dog vom Hot Dog Mann an der 40th Street gegessen – 3 Dollar! – und wurde nicht satt, Luke wollte ein Happy Meal beim blinkenden, glitzernden Mc Donalds mit Blick auf das riesige Leonard Cohen-Plakat – aber gerne doch!
Dann hatten wir noch eine halbe Stunde, um in einem Andenkenladen ein T-Shirt für Andy zu kaufen (Johnny Cash mit Stinkefinger, das Bild, das du bei Hattrick als Profilbild hast, ich war mir nicht mehr sicher, ob du das Shirt schon hast, hoffentlich nicht!?!?!), für mich zwei und für die Jungs zwei U-Bahnen, die Geräusche machen und die englische Ansage: „Attention platform one: Train to Central is approaching, please stay clear oft he platform edge.“
Das Spiderman-Musical war wirklich großartig gemacht, muss ich sagen. Vielleicht ein paar Liebeslieder zuviel, knapp drei Stunden mit Pause sind doch sehr lang, aber das ist ja bei Musicals immer so, dass man denkt: anderthalb Stunden hätten auch gereicht. Aber das Bühnenbild war schon unglaublich, vor allem das zum Abschlusskampf zwischen Spidey und dem Green Goblin, wo man praktisch von oben in die Straßenschluchten reinschaute und die beiden Gestalten im gesamten Theater herumflogen, um sich zu bekämpfen. Insgesamt waren 11 (!) Spidermen an Seilen unterwegs, um den Eindruck zu vermitteln, der eine Spiderman würde so schnell fliegen. Also auch mir nicht-Comic-Fan hat es Spaß gemacht, das anzuschauen. Allerdings war es sehr, sehr laut und sehr, sehr voll, sodass wir wirklich total erledigt sind nach unserem langen Tag heute. Luke kam gerade sogar nochmal aus dem Bett gelaufen, weil er ein paar Erschöpfungstränen vergießen musste. Höchste Zeit, dass wir morgen eine Pause machen vom Besichtigen und U-Bahn-Fahren. Wir werden einfach nur hier in unserem Park herumspazieren, der ja auch noch mehr zu bieten hat als wir bisher gesehen haben und ansonsten die Beine hochlegen. Luke erstaunt mich übrigens immer wieder mit seiner Beobachtungsgabe: Nach dem Musical zeigte er plötzlich auf ein Hochhaus und sagte: Mama, das ist doch das Hochhaus, auf dem Spidey mit dem Goblin gekämpft hat, und es stimmte! Und nun steht ja hier nicht nur ein Hochhaus und auch sonst sind die Reize zahlreich, man muss schon genau gucken! Außerdem hat sich Luke bei mir bedankt, dass ich „sowas Tolles für ihn organisiert habe“, einmal legte er für ein Foto den Arm um Nick. Also manchmal… Im Übrigen streiten sie aber sehr viel, einer muss nur aus Versehen den anderen berühren, schon beschimpfen sie sich und fangen an zu prügeln. Meckern und jammern tun sie auch viel, aber das verzeihe ich ihnen dann, weil ich ja weiß, dass es für sie auch anstrengend ist hier. Aber den ewigen Bruderzwist, den verzeihe ich nicht.
Jetzt regnet es jedenfalls in Strömen, und ich hoffe, das bringt die angekündigte Abkühlung!
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