Freitag, 19. Juli

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Freitag, 19. Juli
Erwähnte ich bereits, dass es schweineheiß ist??? Heute Nacht bin ich vom Dachzimmer wieder in die Küche gezogen, weil man da oben nur entweder schmelzen oder sich von der Klimaanlage ins Ohr brüllen lassen kann – aber nicht schlafen. In der Küche allerdings auch nicht, da brüllt der Kühlschrank.
Man kann eigentlich auch keinen Proviant machen, denn belegte Brote (und Kekse erst recht) sind nach einer halben Stunde im Rucksack zu einem Klumpen Matsch geworden, eben noch frisch gekauftes Obst ist plötzlich durch und durch braun und vergammelt und die eiskalten Getränke nach fünf Minuten pipiwarm. Auch weiß man nicht, wann man duschen soll – morgens bringt nichts, weil man nach dem ersten Schritt aus dem Haus selbst um 7.15 (unsere Aufbruchzeit heute!!!) durchgeschwitzt ist, und abends bringt es auch nichts, weil man im Bett ebenso schwitzt. Also kann man eigentlich auch gleich ungeduscht bleiben und weiterstinken. Wir haben aber auch die falschen Klamotten. Echte New Yorkerinnen tragen niemals eng anliegende Sommeroberteile, die gleich nass sind, sondern immer nur luftige Flatterhemdchen.
Da die Hitzewelle mit 37 Grad im Schatten noch bis morgen anhalten soll (ab Sonntag dann „nur noch“ 30 Grad), war es praktisch, dass bei uns heute wieder Strandtag angesagt war – das hatte ich den Jungs versprochen, jeden zweiten Tag ans Wasser. Wir fuhren an den Rockaway Beach, der noch hinter dem Flughafen gelegen ist. Die Fahrt mit drei Bahnen ging eine Stunde lang durch die ärmlichen Vororte, obgleich in hübschen Gegenden. Das ist so schade – das sind Gegenden in optimaler Lage nahe NY und Atlantik, da könnte man richtig schöne kleine Siedlungen draus machen, aber stattdessen gibt es verlassene Holzhausruinen, Schrottplätze, Stromkabelsalat, unaufgeräumte Geschäfte und seltsame Typen.
Der Rockaway Beach ist ein toller, breiter Atlantikstrand mit einer richtigen Brandung. Die Skyline von Manhattan soll angeblich bei guter Witterung zu sehen sein – heute nicht. Die Halbinsel, auf der Rockaway liegt, teilt sich ebenfalls in ein Ghetto (nordöstlich, Richtung Flughafen) und ein Reiche-Leute-Viertel (südwestlich, Richtung Manhattan). An der letzten U-Bahn-Station ist leider noch Ghetto und die Geschäfte nicht wirklich vertrauenserweckend. Wegen der Hitze waren die Jungs nicht dazu zu bewegen, mehr als 50m zu laufen, weshalb wir es nicht bis zum „guten“ Ende des Strandes schafften. Aber wir waren um halb neun da, daher war noch alles leer und schön. Als wir um zwölf gingen, wurde es in unserer Ecke voll und man fühlte sich nicht mehr so wohl.
Die Hitze war dort draußen gut auszuhalten und es war wirklich schön! Allerdings kann man die Jungs keine Sekunde aus den Augen lassen, also Mittagsschläfchen oder selber mal schwimmen gehen ist nicht. Erst hatten sie noch Respekt vor den Wellen, aber je länger wir da waren, desto wilder wurden sie, gingen immer tiefer rein, ließen sich von der Brandung abtreiben, ohne es zu merken, hörten nicht, wenn ich sagte, sie sollten sich jetzt mal wieder aufwärmen kommen. Ewig beknieten sie mich, immer noch und noch länger zu bleiben, aber auf dem Rückweg maulten sie dann, weil sie zu k.o. waren. Da sind sie echt noch wie die kleinen Kinder, und ich muss dann eben die böse Mama sein und den Strandtag nach drei Stunden abbrechen, weil ich WEISS, sonst endet das böse.
Wieder wurden wir von so vielen Menschen angequatscht: da war der Kinderpsychologe und Hobbyangler Vincent, der den Kindern seinen geangelten Fisch und eine Gruppe Delphine zeigte, die in Strandnähe herumschwammen (siehe das eine Foto, man sieht eine Flosse!), da waren die vielen staunenden Leute, die Nick und Luke um eine ihrer kiloweise gesammelten Muscheln baten. Luke lässt sich dann immer von mir übersetzen, was die Leute sagen, und antwortet ihnen selber mit yes und no. Nick traut sich nicht. Allerdings ist es dann auch wieder schwierig, den Kindern zu vermitteln, wann man wissen kann, dass jemand nett ist, und wann man lieber vorsichtig sein sollte. Also wenn da ein farbiger Ordnungshüter mit Weste der U-Bahn-Gesellschaft kommt oder eine ältere Frau oder ein Typ mit zwei Kinder, dann sind die harmlos, aber eine Gruppe farbiger Jugendlicher, die in der U-Bahn randalieren, sollte man besser nicht anstarren oder mit denen ins Gespräch kommen…
Ich merke, dass die Jungs viel Führung und Aufmerksamkeit brauchen hier in der Fremde. Manchmal springen sie rum, als wären sie nie woanders gewesen, aber dann kommt Luke und sagt, er hätte so eine unbestimmte Angst und wüsste nicht, wovor, und wenn ich sie abends in den Arm nehme oder Lukes Schäfchen nehme und mit verstellter Stimme ein paar Fragen stelle, sind sie plötzlich ganz anschmiegsam.

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