Mittwoch, 17. Juli

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Was für ein Tag! Zuerst mal: Ich weiß nicht, ob ihr euch vorstellen könnt, wie das für mich ist. Seit mindestens zwei, eigentlich aber schon zwölf Jahren bin ich durch Andys Krankheit ständig mit lebensbedrohlichen Situationen und Diagnosen konfrontiert, mein gesamtes Denken kreist um Leben und Tod. Was hat das aus mir gemacht? Ein Nervenbündel von einer Frau, in der ich mich kaum noch wiedererkenne. Ich habe entsetzliche Angst. Vor allem. Vor dem Mond, weil er mich an das undurchschaubare Universum erinnert, dem es jederzeit einfallen kann, einen Meteoriten auf die Erde zu schmeißen. Vor Unfällen, Terroristen, Krankheiten. Die immer wieder in monumentalen Situationen erlebte Angst, das Andy jetzt und hier sterben könnte, war der Auslöser und zentrale Aspekt, aber sie generalisiert sich auf alles und jeden, gerade weil man doch WEISS, dass das Schicksal unberechenbar ist und eben nicht so fair wie wir es uns manchmal zurecht wünschen, nach dem Motto: „Jetzt haben wir doch schon genug Schlimmes erlebt, jetzt werden wir sicher von Weiterem verschont“ – im Gegenteil!!! Gerade dann schlägt es trotzdem nochmal zu! Siehe Ingas Zwillinge und ihre Krankheiten/Beeinträchtigungen! Wie steht dafür die Wahrscheinlichkeit, dass das in einer Familie zusammenkommt? Vielleicht findet das Schicksal es genauso witzig, Nick und Luke gleich beide Eltern zu nehmen??? Ja, vor allem habe ich Angst zu sterben. In jeder Minute eines jeden Tages. Jeden Moment meines Daseins verbringe ich damit, gegen diese Angst zu kämpfen, damit ich überhaupt rausgehen, arbeiten, am Leben teilnehmen kann. Es ist eine entsetzliche Anstrengung! Sie macht mich noch viel fertiger als das Familienmanagement, die Streitereien der Jungs oder der Stress im Büro. Am sichersten fühle ich mich zu Hause, obwohl ich auch da ständig Angst habe, tot umzufallen, und die Jungs finden mich und wissen nicht, was sie machen sollen. Und nun eine Reise wie diese, um den halben Globus. Mein Gott, da muss ich weit mehr als nur ein bisschen Reisefieber oder Flugangst bekämpfen. Es ist in jeder Minute ein Duell gegen mich selbst oder das, was aus mir geworden ist, gegen das Leben, das mich mit den Erfahrungen, die es für mich bereitgehalten hat, beinahe lähmt. Durch die Flugangst oder den allgemeinen Respekt vor neuen Umgebungen wird die große Angst dahinter nur noch mehr getriggert. Angst, Angst, Angst!!! Aber ich darf mich von ihr doch nicht unterkriegen lassen, denn was bleibt sonst von mir übrig??? Gar nichts mehr!!!
Nun bin ich also in New York. Mein Traum ist wahr geworden. Ich gebe mir solche Mühe, ihn zu genießen wie er es verdient hat! In bestimmten Augenblicken gelingt es sogar – aber es ist immer das Ergebnis eines mühsamen Zusammenreißens und Sich-selbst-in-den-Arsch-Tretens. In anderen Momenten hat die pure Panik Überhand.
Nun zu unserem zweiten Urlaubstag.
Während ich in der Nacht überhaupt nicht schlafen konnte (selbst als ich die mörderlaute Klimaanlage ausgemacht hatte), haben die Jungs schön bis halb sieben Ortszeit durchgeratzt. Unsere nette Vermieterin hatte uns ein paar Snacks bereitgestellt, sodass wir Banane mit Cräckern zum Frühstück essen konnten. Danach haben wir einen Supermarkt gesucht. Die sehen alle so super klein aus, eher wie so ein Spätkauf in Berlin. Der erste größere, an dem wir vorbeikamen, hieß Union Market, in den sind wir dann rein. Und was für ein Erstaunen: Es gab Vollkornbrot, auch ein paar bekannte Sachen wie Nutella und Finncrisp, super Obst und Gemüse. Überhaupt nicht wie ein normaler amerikanischer Fast Food Supermarkt. Wie sich an der Kasse herausstellte, hatte das einen Grund: Es war ein Bioladen, der auch noch regionale Bauern aus New York State unterstützt, also alles vom Feinsten, von den Nudeln bis zum Apfelsaft alles immens teuer. Demnächst werden wir also das Vollkornbrot dort kaufen, den Rest aber versuchen, anderswo billiger zu kriegen. Wahrscheinlich sind die großen Supermärkte nur mit dem Auto zu erreichen irgendwo im Gewerbegebiet.
Dann haben wir uns Proviantbrote geschmiert und sind nach Coney Island gefahren. Nach dem anstrengenden Flug hatte ich den Jungs versprochen, dass wir es heute ruhiger angehen lassen und noch nicht nach Manhattan reinfahren. Coney Island ist ein Atlantikstrand mit einem Vergnügungspark hinter der Promenade. Es ist genau wie man es sich vorstellt: laut, bunt, bevölkert mit Angebergestalten. Nicht wirklich zu empfehlen. Im Hintergrund noch dazu ein paar hässliche Plattenbautenhochhäuser. Wenn man es aber aus meiner Perspektive sieht, war es wunderbar: Wir waren recht früh morgens da, bevor die anderen aus ihren Löchern gekrochen kamen, sodass die Jungs anderthalb Stunden friedlich planschen konnten, während ich herumgammelte. Aus dem New Yorker Hafen machten sich die voll beladenen Tanker auf den Weg in die Welt. Auch die Plattenbauten sahen im Dunst mit der davor vorbeifahrenden silbernen U-Bahn am Ende ziemlich romantisch aus. Ich musste mich ins Wasser setzen, es war einfach so heiß, dass man es in der Sonne nicht aushielt. Das einzige, was störte, war eine Sorte Fliegen, die brennende Stiche hinterließ.
Nach 1,5 Stunden wollten wir auf die Seebrücke, die wird aber gerade saniert und ist gesperrt, und fanden stattdessen ein cooles Wasserspiel: auf einem großen Platz schossen in einem bestimmten Rhythmus Fontänen aus dem Boden. Die Jungs amüsierten sich köstlich, zur Freude aller Spaziergänger, und kreischten durch die Fontänen, von einer zur anderen rennend, deren Schussmuster nach und nach immer besser durchschauend. Dann fanden wir noch einen Shop mit tollen Herren-T-Shirts, die wir samt und sonders ALLE gerne für Andy gekauft hätten. Aber das Geld rinnt uns eh schon durch die Finger, sodass wir nur eins genommen haben…
Um 12 machte dann der Vergnügungspark auf und wir bestaunten einige gefährliche Fahrgeräte, und zur großen Begeisterung der Jungs gab es tatsächlich genau denselben „Hirnrüttler“ wie in „Gregs Tagebuch“!!! Eine Miniachterbahn für Kinder durften die Jungs dann auch ausprobieren.
Dann fuhren wir mit der U-Bahn wieder zurück und wurden von einem Touristenpärchen in Mamas und Papas Alter angequatscht, mit denen wir ein wenig plauderten. Überhaupt quatscht uns dauernd jemand an, total nett. In der U-Bahn empfehlen sie uns den besten Weg, zu den Jungs hat eigentlich dauernd jemand einen Kommentar. Zu Hause gab es Nudeln mit Tomatensoße aus dem Union Market, Bio, regional, fair gehandelt, was nicht alles, wir kommen in den Himmel!
Nach der Mittagsruhe gingen wir in den nahegelegenen Prospect Park, um diesen mal auszukundschaften. Auf dem Weg dahin kamen wir an einem geknackten Hydranten vorbei, aus dem wie in den alten New York-Filmen das Wasser rausschoss und die Straße runterlief – eine Gruppe Kinder erfrischte sich daran und spielte mit Wasserbomben. Nick und Luke waren sofort mit dabei. Es ist so verdammt heiß, dass es überhaupt nichts ausmacht, wenn sie alle fünf Minuten komplett durchnässt sind, eine Straßenecke später sind sie wieder trocken. Also das war echt das New York-Typischste, was wir heute gemacht haben: an diesem Hydranten spielen! Und die Eltern der Kinder aus den umliegenden Häusern sitzen gemütlich in der Abendsonne auf ihren Eingangstreppen, die ins Hochparterre führen, und unterhalten sich.
Dann aber passierte (beinahe) etwas Furchtbares. Es hätte auch in Berlin passieren können, das hat nichts mit New York zu tun, sondern mit Lukes Traumtänzerei, der Tatsache, dass er nie an seine Mitmenschen denkt, sondern immer nur an sich selbst und seine eigenen Rechte und Pläne. Wir standen an einer Ampel und beobachteten einen Notarztwagen, der mit vollem Karacho die Straße runtergebrettert kam und dabei – ebenfalls wie im Film – einen wahnsinnigen Sirenenlärm veranstaltete, tausend mal lauter als in Deutschland, UND noch im Staccato die Hupe drückte. Alle Welt stand brav am Straßenrand und wartete und kapierte, dass der Notarzt vorbeiraste, nur Luke sprang los und lief auf die Straße, weil zufällig gerade die Fußgängerampel grün wurde. Es war wirklich furchtbar, es ging so schnell, dass ich gar nicht reagieren konnte, auch Nick raffte gar nicht so schnell, was da passierte, und Luke spazierte auch nicht auf die Straße, sondern rannte wie bescheuert los, weil er sich irgendwie in den Kopf gesetzt hatte, als erster auf der anderen Seite zu sein – direkt vor den Notarztwagen. Es war furchtbar, es war haarscharf, der Notarzt bremste nicht mal, Luke hatte einen Schutzengel hoch zehn, ich weiß nicht, ob er meine und Nicks Schreie hörte oder selber schaltete und endlich mal die Welt da draußen wahrnahm. Jedenfalls stoppte er mitten im Lauf ab und der Krankenwagen fuhr ein, zwei Meter an ihm vorbei vorüber.
Ich bin außer mir vor Schreck, aber was soll man machen, Luke hat einen Schutzengel gehabt. Dieser Tag hätte anders enden können, meine Ängste hätten wahr werden können, sind es aber nicht. Ich bin sowas von gefühlskalt geworden, dass ich nur noch denken kann, wie ich es gelernt habe, lernen musste: Ok, weiter im Text, mit den Katastrophen kann man sich auseinandersetzen, wenn sie passiert sind, und nicht, wenn sie bloß fast passiert sind. Das scheint etwas dem zuwider zu laufen, was ich am Anfang über meine Ängstlichkeit gesagt habe, aber es geht tatsächlich beides. Permanente Angst vor Dingen, die passieren KÖNNTEN, während gerade eigentlich alles ok ist, und Schutzmechanismus rein, sobald die Katastrophe – wie schon so oft mit Andy – tatsächlich beinahe passiert.
Also auf in den Park. Gleich fünf Meter hinter dem Eingang ein großer Spielplatz mit dem nächsten Wasserfontänenspiel. Die Jungs schon wieder klatschnass und nicht mehr dazu zu bewegen, weiter in den Park vorzudringen. Ich habe sie zwar noch kurz auf eine Wiese geschleppt und versucht, sie zum Fußballspielen zu überreden, aber sie wollten einfach nur zurück zum Wasser. Also was solls. Morgen nehm ich mir ein Buch mit. Dort quatschten uns dann noch zwei Mädels an, ich dachte, die sind von der Stadt angestellt, um auf dem Spielplatz ein wenig Sommerferienprogramm zu machen, aber es stellte sich heraus, sie waren von einer Kirche und quatschten die Kinder, während sie ihnen Luftballons schenkten oder Zaubertricks vormachten, mit ihrem Glauben voll. Echt schräg. So, und nu ins Bett.

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Eine Antwort »

  1. Hallo, Maus! Guten Morgen! Wir erwarten Marina und Steffen, deshalb schreibe ich nur kurz. Sei nicht so streng mit Luke! Natürlich weiß doch jedes Kind: bei Grün darf man gehen!! Diese Situation mit dem Krankenwagen mußte Luke erst mal durchmachen um zu wissen, was alles noch passieren kann und dass man auch mal auf sein Vorfahrtsrecht verzichten muß, sonst landet man im Himmel. Wie hast Du immer so schön gesagt: Du willst Deine eigenen Fehler machen!!! Da muss nun Luke auch durch. Gott sei Dank ist der Himmel voller Schutzengel und wir haben extra für Euch ein paar mehr gebucht. Versuche, die Tage zu genießen, es ist ja keine Ewigkeit. Wir denken an Euch. Mapa

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