Montagabend und Dienstagvormittag

Standard

Gestern Abend war die einzige Aktion unserer Reise geplant, die nicht auf die Kinder ausgerichtet ist: Ein Besuch um 21.30 im U Maleho Glena, der Kneipe, in der ich bei meinem ersten Pragbesuch vor 15 Jahren zum ersten Mal dem legendären Stan the Man Blues Konzert beigewohnt hatte. Es war damals unglaublich gut und ich wollte gerne nochmal hin, hatte extra vorher per Email angefragt, ob ich die Kinder mitbringen darf, weil ich sie nicht bei einem fremden Babysitter lassen wollte, den man natürlich hier auch mieten kann.

And that’s how it went: Den nächtlichen Spaziergang fanden die Kinder toll, von Müdigkeit keine Spur, wir machten dann auch noch Station an einem der Eingangstore der Karlsbrücke, wo man in den Turm hochklettern konnte. Die Aussicht (zumal bei Nacht) war genial, das Herumgeklettere in dem alten Gemäuer auch, und es fand sich trotz später Stunde sogar noch ein vereinsamter Touristenführer, der auf dem Dach des Turmes fror und uns ein paar Dinge über den Angriff der Schweden auf Prag erklärte.

In der Kneipe angekommen war eigentlich alles super: Wir bekamen noch Sitzplätze, es war nur ein kleiner Raum mit ein paar Tischen, Publikum nicht mehr wie vor 15 Jahren saufende Studenten im Erasmus-Semester, sondern Leute in meinem Alter und älter, die brav und gesittet dem Blues lauschen wollten. Rauchen verboten. Alles wunderbar, die Jungs bekamen Cola, ich einen nicht-alkoholischen Cocktail. Wir spielten zwei Runden Rommé, dann ging es auch schon los, Stan the Man (Stimme wie Leonard Cohen, inzwischen bestimmt fast 100 Jahre alt ;-)) war immer noch so geil wie damals, die ersten drei Takte und ich wusste, dass meine Erinnerung mich nicht getrogen hatte. Einige Minuten genoss ich das Leben. Aus dem Augenwinkel sah ich Nick mitswingen und begeistert Stans coole Bewegungen auf der Gitarre nachmachen. Dann drehte ich mich zu Luke um und wollte gerade sagen: „Toll, Jungs, dass man sowas mit euch machen kann!“, da fängt Luke an zu Heulen wie eine Boje. Er halte das nicht länger aus, das sei zu laut, der Typ schreie so furchtbar rum, er müsse gleich kotzen, es täte ihm beim Atmen weh, er müsse sofort an die frische Luft. Nick, der wirklich gerne bleiben wollte, und ich, versuchten mit allen Mitteln der Kunst, Luke zu überzeugen, dass er doch wenigstens versuchen sollte, sich an alles zu gewöhnen, aber vergebens. Er hielt noch ein paar Songs durch, aber quälte sich und zerrte an mir rum, und so konnte ich es auch nicht genießen. Nach einer halben Stunde verließen wir also die Bar und das Abenteuer war beendet. Trotzdem und trotz der 20 Euro, die wir für Eintritt und Getränke bezahlt haben (was ja an sich spottbillig ist, nur halt nicht für eine halbe Stunde) bin ich froh, dass wir es gemacht haben, denn so bleibt mir die Erinnerung an ein paar Takte wirklich guter Musik und die wunderschöne Atmosphäre, von der ich jetzt zehren kann. Kaum war Luke an der frischen Luft, sang und quasselte er natürlich wie eh und je.

Die Nacht war gut, Betten gut, einmal wurden wir durch ein paar Idioten wach, die Feuerwerkskörper in unseren Hinterhof warfen (wir sind hier wirklich mitten im Zentrum der Altstadt).

Heute morgen um neun machten wir uns auf den Weg auf die Burg. Luke quengelte ein bisschen wegen des Bergaufsteigens und der Treppen, aber es hielt sich in Grenzen. Oben angekommen nahmen wir uns nur das Goldene Gässchen und den Folter- und Kerkerturm Daliborka vor. Das reichte auch, und es war eine Superidee, so früh morgens zu kommen, denn erst als wir fertig waren, kamen die Touristenmassen an. Zufällig wurden wir Zeuge des Wachwechsels, was den Jungs sehr gefiel, obwohl die Soldaten bei Weitem nicht so diszipliniert sind wie in London. Wir inspizierten den alten Wehrgang, die Ritterrüstungen, Schießscharten und Waffen, kauften in den kleinen Häuschen der Gasse Postkarten und Ketten mit Schwertanhänger für die Jungs und besahen uns im Kerkerturm die Folterinstrumente. Luke entdeckte ein echtes Gerippe in einer Kerkergrube!

Dann kletterten wir noch ein paar steile Hänge in den Letnapark hoch bis zum Prager Metronom, das sehr beeindruckend war, wenngleich uns seine Bedeutung nicht wirklich klar wurde. Wirklich sehr schade, dass es noch so tiefer Winter und eiskalt ist. Hätte der Wind nicht gar so doll gepfiffen und wäre es ein bisschen grün gewesen, hätten wir noch stundenlang im Park sitzen können, ich lesend, die Jungs Zweige sammelnd, den Spielplatz erobernd. Man kann wohl auch Rollschuhe ausleihen, aber bei der Kälte haben wir uns dann nach einer dreiviertel Stunde lieber an den Abstieg gemacht.

Nun gab es Buchstabensuppe und Mittagspause. Am Nachmittag wollen die Kinder wieder auf die Kinderinsel Fußball spielen, dann werden wir einen Supermarkt suchen und abends ins Schwarzlichttheater gehen.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s